Ohne Angst verschieden sein

Antrag zum 5. Bundeskongress der Jungen Linken am 06. und 07. Jänner 2023 in Linz.
Antragsteller:in: Marina Andreu y Casadesus, Teresa Griesebner, Jakob Hundsbichler, Tobias Kohlberger, Julia Prassl, Alisa Vengerova

Diskriminierung in ihren verschiedensten Formen ist Teil unserer Gesellschaft. Bei Junge Linke organisieren sich Menschen, die Diskriminierung am eigenen Leib erleben und Menschen, die Diskriminierung vielleicht nur als etwas kennen, das Freund:innen widerfährt. Uns eint, dass wir Diskriminierung nicht akzeptieren und das wir gemeinsam dafür kämpfen eine Gesellschaft zu schaffen, in der wir ohne Angst verschieden sein können.

Gemeinsam sind wir stark
Als Junge Linke wollen wir ein Ort sein, an dem Vorurteile ausgeräumt und über Diskriminierungen offen gesprochen werden kann. Junge Linke ist ein Ort, an dem wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen und Vorurteile abzubauen. Wir werden nicht als Linke geboren, viele von uns kommen aus einem Elternhaus, in dem man diskriminierendes Verhalten als normal beigebracht bekommt. Junge Linke ist der Ort, an dem wir lernen können, Verhalten zu ändern, das unsere Genoss:innen schmerzt und ohnmächtig fühlen lässt. 

Aus Wut Hoffnung machen
Wir wollen vor allem auch daran arbeiten, Diskriminierung an ihrer Wurzel zu bekämpfen. Diskriminierung hat nichts damit zu tun wer die Person ist, die diskriminiert wird, was sie tut oder wie sie aussieht. Sondern geht von denjenigen aus, die andere diskriminieren. Denn Ausschluss, Herabwürdigung und Benachteiligung sind  gesellschaftlich und haben System. Wir können Diskriminierung daher auch nur gesellschaftlich und gemeinsam beseitigen. Als Junge Linke sehen wir es als unsere gemeinsame Aufgabe, die Ursachen von Diskriminierung zu verstehen und Strategien zu entwickeln, uns gegenseitig über Unterschiede hinweg zu stärken und zueinander zu stehen. Niemand soll mit dem Gefühl der Ungerechtigkeit allein sein. Wir wissen, dass eine starke Gemeinschaft, gute Gespräche und konkrete Ziele aus Wut Hoffnung machen können. 

Zahlen, Daten, Fakten 
Um zu wissen, ob wir diesem Anspruch schon gerecht werden, kann ein Blick in Zahlen, Daten und Fakten Orientierung geben. Wir gehen davon aus, dass Menschen die Diskriminierung erfahren mehr Steine in den Weg gelegt bekommen, wenn sie politisch aktiv werden wollen. Auch bei uns im Verband. Ein Zugang kann sein, herauszufinden: Welche diskriminierten Gruppen sind in unserem Verband geringer repräsentiert, und welche stärker? Es geht dabei nicht darum, manchen Platz wegzunehmen, sondern für alle genug Platz zu schaffen. 

Wer wird aktiv und wer nicht? 
Um zu sehen, ob wir bei der Teilhabe verschiedener Gruppen aktuell am richtigen Weg sind, haben wir exemplarisch Kennzahlen für verschiedene Formen der Diskriminierung in Österreich angesehen und sie mit unseren Mitgliederdaten verglichen. Viele Definitionen von Diskriminierungserfahrung beruhen dabei auf geschätzten Zahlen, da für eine exakte Feststellung eine Befragung aller Mitglieder notwendig wäre. Die tatsächliche Zahlkann für manche Gruppen auch höher sein. Auffallend ist, dass wir in manchen Bereichen deutlich über den gesellschaftlichen Anteilen liegen und in anderen noch nachschärfen müssen, um für noch mehr Menschen ansprechend zu sein.

Wer ist dabei? 
Die Gruppe, die bei Junge Linke im Vergleich zur gesellschaftlichen Größe unter den Mitgliedern am stärksten vertreten ist, ist die Gruppe von Trans-, und Inter-Personen. Laut der Österreichischen Gesundheitskasse zählt die österreichische Community 450 Personen, das entspricht 0,005% der Bevölkerung. Junge Linke übertrifft diesen Anteil unter den Mitgliedern um mehr als das 600-fache. Hier sind wir auf einem guten Weg. 

In der österreichischen Bevölkerung haben 0,5% der Menschen schwarze Hautfarbe, bei Junge Linke sind mit 3% der Mitglieder sechsmal so viele junge Menschen aktiv. Menschen mit Migrationshintergrund aus Nicht-EU-Ländern machen in der österreichischen Bevölkerung 14% aus, bei den Mitgliedern von Junge Linke 15%. Menschen mit einem asiatischen Migrationshintergrund machen 2 % der Bevölkerung aus und das auch bei Junge Linke. 12% der Junge Linke Mitglieder sind offen homosexuell und damit doppelt so viele wie in der Gesellschaft vertreten.

Wer fehlt? 
Wie so oft sind es die Frauen, die auch ohne gesellschaftliche Minderheit zu sein, Diskriminierung erfahren. Die patriarchale Ausgrenzung von Frauen aus gesellschaftlichen Machtstrukturen seit Jahrtausenden hat ihre Folgen. In der österreichischen Bevölkerung gibt es 51% Frauen, unter Junge Linke Mitgliedern aktuell 46%. In der Gruppe der Frauen haben wir damit die größte Abweichung vom gesellschaftlichen Durchschnitt und nach wie vor die größten Steine aus dem Weg zu räumen. 

Die zweite Gruppe, die unter Junge Linke Mitgliedern unterrepräsentiert ist, sind Menschen mit Übergewicht und Adipositas. Gesellschaftlich sind es 17%, die dadurch Diskriminierung ausgesetzt sind, unter unseren Mitgliedern mit ~12% weniger Personen. Die dritte Gruppe sind Menschen mit einer festgestellten Behinderung. Junge Linke zählen hier 1% Mitglieder, in Österreich leben aber 4% der Menschen mit Behinderung. 

Verwunderlich? Und was jetzt? 
Der Überblick über die Zusammensetzung von Diskriminierungserfahrungen im Verband gibt uns eine Idee, in welche Richtung wir uns weiterentwickeln sollten. Organisationsarbeit ist ein dauerhafter Prozess. Dort, wo die Arbeit erfolgreich ist, machen wir sie weiter. Dort, wo noch Aufgaben vor uns liegen, gehen wir neue Projekte an. Wir müssen als Organisation vor allem für diejenigen Menschen ansprechender werden, die sich bei Junge Linke aktuell noch nicht wohl genug fühlen, um aktiv zu werden. Das bedeutet nicht, dass wir alle unsere Aktivitäten nur noch genau auf diese Gruppen ausrichten müssen, aber dass wir sowohl in unserer Öffentlichkeitsarbeit, bei Lehrgängen, Projekten im Jahresplan und besonders in den Bezirksgruppen ein Auge darauf haben, für wen wir gerade offen sind – und was wir noch tun können, um mehr unterschiedliche Menschen einzubinden. Folgende Projekte haben wir uns daher für das kommende Jahr schon vorgenommen:

Frauenförderung und Theorieseminare für Frauen 
Mit den Theorie-Seminaren für Frauen und der stärkeren Verankerung unserer Frauenförderungs-Strategie wollen wir den Erfolg der letzten Jahre in diesem Bereich weiterführen und ausbauen.

Seminare und Lesekreise gegen Rassismus 
Die Seminare und Lesekreise der letzten Jahre zu Antirassismus sollen dieses Jahr weiter ausgebaut werden und starten mit einer großen Buchtour zu einem materialistischen Antirassismus Ende Jänner.

Workshops: Kommunistische Perspektive auf Trans-Befreiung 
Obwohl wir im Bereich von Trans- und Intersexualität die Abbildung der Gesellschaft weit übertreffen, wollen wir Workshops zur kommunistischen Perspektive auf Transbefreiung auch in den nächsten Jahren weiterführen. 

Offenheit in den Bezirksgruppen
Bezirksgruppen sind für Interessierte der erste Ort, wo sie Junge Linke näher kennenlernen und in unseren Verband aufgenommen werden. Ob mich beim ersten Treffen Leute willkommen heißen, Gespräche mit mir führen oder mich wieder einladen, hat einen Einfluss darauf, ob ich wiederkomme. Offenheit und Achtsamkeit ist unser aller Aufgabe.