Krankschreibung per Video: Schikane jetzt auch digital

Ende Mai ist die telefonische Krankschreibung ausgelaufen. Sie wurde zum Höhepunkt der Coronapandemie eingeführt, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Es ist bereits das zweite Mal, dass die telefonische Krankschreibung eingeführt und wieder abgeschafft wurde. Grund war beide Male die Angst der Unternehmen vor „Missbrauch“. Dabei kommt es deutlich häufiger vor, dass Menschen krank in die Arbeit gehen, als dass sie sich krankmelden obwohl sie gesund sind.

Videochat: schlechter Ersatz fürs Telefon

Nun plant die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) mit der Krankschreibung per Videochat einen Ersatz zur telefonischen Krankmeldung. Das ist besser als nichts, baut aber neue Hürden auf. Auch nach der Pandemie gibt es viele Menschen – etwa in jenen Jobs, in denen Homeoffice nicht möglich war – die mit Videotelefonie schlecht oder gar nicht vertraut sind. Darüber hinaus können auf andere Probleme auftreten: von der Verbindung, die abbricht, bis zur Kamera, die nicht funktioniert. Die telefonische Krankschreibung war mit weniger elektronischen Stolperfallen verbunden und konnte auch von technisch wenig versierten und älteren Leuten einfach genutzt werden.

Digitalisierung statt Geld fürs Gesundheitssystem

Der ÖGK geht es nicht darum, es Patient:innen einfacher zu machen, sonst wäre die telefonische Krankschreibung beibehalten worden. Die Krankschreibung per Videochat ist vielmehr ein weiterer Meilenstein in der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung. Das ist nicht ausschließlich negativ: Digitale Tools können eine positive ergänzende Rolle spielen und haben das Potential, abgelegenere Regionen besser ans Gesundheitssystem anzuschließen (vorausgesetzt die Verbindung klappt). Doch in einem ausgehungerten Zwei-Klassen-Gesundheitssystem wie in Österreich sind sie oft nur eine billige Scheinlösung, die die Überlastung des Personals kaum lindert und die Qualität der Versorgung weiter mindert. Die fehlenden Ressourcen im Gesundheitssystem und die bestehenden sozialen Ungleichheiten können nicht durch eine App ausgeglichen werden.

📰 Der Standard berichtet über den Vorstoß der ÖGK und die Kritik der Ärztekammer. 

📝 Die Arbeiterkammer schreibt über den ungleich verteilten Zugang zu digitalen Tools. 

📝 Das Fachportal Highways to Health beschreibt den sogenannten “Digital Health Divide”.